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Korrespondenz mit Fr. Dr. Schmitz an der Universität in Freiburg PDF Drucken
Geschrieben von: Tamara   
Dienstag, den 22. April 2008 um 01:33 Uhr

In einem Forums-Thread haben wir über die Ursachen und Hintergründe von TGs diskutiert. Vor einiger Zeit hat Vicky einen kurzen Email-Kontakt mit der Wissenschaftlerin Fr. Dr. Schmitz, die an der Universität in Freiburg tätig ist, gehabt.
Diesen Schriftwechsel möchte Vicky uns nicht vorenthalten.


Das Anschreiben: 

Sehr geehrte Frau Dr. Schmitz,

auf der Such nach Informationen zu dem Thema "Was unterscheidet Frauen von Männern?" bin ich auf die von Ihnen eingebrachten kritischen Anmerkungen bei der biologisch-medizinischen Gender-Forschung gestoßen. Ihre Einwendungen halte ich für sehr beachtenswert. Leider bin ich in dieser Thematik nur ein Laie und kann dieses sicher nicht endgültig beurteilen.

Ich möchte mich mit einem anderen Anliegen an Sie wenden. Mich interessiert, wie viele andere auch, die Frage nach dem Unterschied männlich/weiblich. Jedoch ist der Hintergrund nicht ganz üblich, aber persönlich um so wichtiger. Als Betroffener stehe ich, wie so viele andere auch, irgendwo zwischen den Grenzen männlich/weiblich und bin auf der Suche nach Erklärungen für dieses Phänomen. Aus meinem persönlichen Erfahrungen mit anderen Menschen weiß ich, dass das Spektrum zwischen diesen Polen sehr groß ist, doch sogar für den Einzelnen zeitlich verändert. In der Gemeinde der Betroffenen wird sehr kontrovers über Ursachen diskutiert. Der Einfluss auf das persönliche Leben kann nicht überschätzt werden. Der Leidensdruck ist enorm.

Und hier möchte ich meine Fragen an Sie richten:

Nach Ihren Ausführungen ist die biologisch/medizinische Unterscheidung der Geschlechter, und hier denke ich vorwiegend an die Interpretation Bild gebender Verfahren, keineswegs gesichert. Gibt es denn aus Ihrer Sicht gesicherte Erkenntnisse? Können Sie mir Literatur nennen, mit der ich mich weiter informieren kann?

Die Biologie/Medizin geht wahrscheinlich von einer Bipolarität Mann-Frau aus. Körperliche Unterschiede sind i.d.R. ja auch einfach feststellbar. Jedoch gibt es im landläufigen Sinne in jedem Menschen männliche/weibliche Eigenschaften unterschiedlicher Ausprägung. Hier zeigen sich meiner Meinung nach mehrere Problemfelder: Was sind männlich/weibliche Eigenschaften? Sind diese nicht gesellschaftlich festgelegt oder gibt es objektive Kriterien? Selbst wenn die Eigenschaften zuzuordnen wären, müsste doch bei einer medizinischen Untersuchung diese erst determiniert werden, um mögliche Bilder (sollten sie denn eindeutig interpretierbar sein) zu bewerten?

Hier steckt doch die Grundproblematik der Transgender-Gemeinde. Das sind Menschen, die zeitweise oder dauerhaft sich in das andere Geschlecht wünschen (sei es nur eine Rolle oder sogar vollständige Identifizierung), weil sie eben auf beiden Seiten der Geschlechter stehen (ich spreche hier nicht vom erotisch motivierten Verhalten). Nur was heißt das wirklich? Die Betroffenen fühlen sich bei der Überschreitung der Geschlechtergrenze sehr wohl. Aber trotzdem bleibt immer die Frage ist es Sucht, ist es Neigung oder gar Veranlagung? Oft wird sich die Frage gestellt, ob man selber psyschich krank sei? Muss ich in eine Therapie? Diese Menschen leiden zudem teilweise erheblich an der Ausgrenzung durch die Gesellschaft. Diese Ablehnung wird umso gravierender und verletzender, je näher einem die Menschen stehen. Extrem wird die Situationen in der Partnerschaft. Hilfe in Form von Aufklärung und Informationen ist dringen geboten. Denn auch die Angehörigen stellen sich diese Fragen.

Können Sie mir Literaturstellen nennen, mit deren Hilfe mehr Licht in das Dunkel gebracht werden kann ? Vielleicht kennen Sie auch Personen, die sich mit der Frage beschäftigen.

Ich vermute, dass Sie zeitlich erheblichen Beschränkungen unterworfen sein dürften. Ich weiß auch nicht, ob Sie die richtige Ansprechpartnerin sind. Aber für eine kurze Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar. Ich möchte Ihre Informationen (mit Quellenangabe) dann über ein Diskussionsforum auch Dritten zugänglich machen.

Mit freundlichen Grüßen und vielen Dank für Ihre Mühe 


Die Antwort:

Danke für die Anfrage.
Es geht m.E. bei der Frage um "angebliche" Unterschiede der Geschlechter
immer wieder - und immer wieder häufiger - um die Frage der Biologie.
Ich bin der Auffassung, dass komplexes Verhalten des Menschen bezüglich
Denken, Motivationen, Einstellungen, nicht biologisch determiniert sind.
Das heißt nicht, dass unsere Biologie nicht eine Rolle spielt, aber eine
einfache Ursachenzuschreibung ist falsch. Auch Sozialisiertes/Erlerntes
hat Auswirkungen auf die Biologie (Physiologie, Gehirn), das bezeichen
wir heute mit dem Begriff des Embodiment.
Insofern wird die Frage "falsch" gestellt: Nicht: "Was sind die wahren
biologischen Ursachen?" sondern eher "Wie vernetzen sich Biologie und
Erfahrung?"
Ich schicke Ihnen hier ein wenig Literaturangeben (evtl. haben Sie davon
schon etwas):
Einen Einstieg in die Debatte um Natur/Kultur finden Sie in
verschiedenen Beiträgen in dem Buch:

Ebeling, Smilla & Schmitz, Sigrid (Hg.): Geschlechterforschung und
Naturwissenschaften. Einführung in ein komplexes Wechselspiel.
Wiesbaden: VS-Verlag.

Einige Ansätze sind auch zu finden bei:

Fausto-Sterling, Anne (1993): The Five Sexes. The Sciences. March/April
1993, 20-25. http://bms.brown.edu/faculty/f/afs/fivesexesprnt.pdf

Fausto-Sterling, Anne (2000): The Five sexes, Reviseted. The Sciences.
July/August 2000, 19-23.
http://bms.brown.edu/faculty/f/afs/5sexesrevprnt.pdf

Fausto-Sterling, Anne (2000): Of gender and genitals: The use and abuse
of the modern intersexual. In: dies.: Sexing the Body. Gender Politics
and the Construction of Sexuality. N.Y.: Basic Books, pp. 45-54.

Mit herzlichen Grüßen
Sigrid Schmitz


Nachsatz:

Die Texte sind teilweise etwas "trocken". Ich fand sie teilweise recht interessant, von anderen Ansätzen zu lesen. Als TG hat man ja immer ein eingeschränktes Weltbild.

Viele Grüße
Vicky


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 22. April 2008 um 17:41 Uhr
 
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