User Menu

Sie sind nicht eingeloggt.

Bookmark uns

AddThis Social Bookmark Button
Mit einem Journalisten durch Frankfurt PDF Drucken
Freitag, den 21. März 2008 um 13:11 Uhr

Ein Bericht  von Aimée (TG).

Aimée (Stella) wurde von der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) kontaktiert und berichtet hier über ihr Erlebnis mit dem Journalisten und dessen Berichterstattung über das Thema "Urlaub von der Männlichkeit".

Der Artikel der FAZ ist HIER zu finden!


Mit einem Journalisten durch Frankfurt


Eine e-Mail im Postfach der Transvestitenvereinigung Frankfurt. Meine Finger zittern ein wenig vor Aufregung und Spannung, als ich sie öffne, ist doch der Absender eine ganz bekannte Frankfurter Zeitung.

"...mein Name ist Erik Zyber. Ich arbeite bei der FAZ und hätte großes Interesse an einem Bericht über die Transvestitenvereinigung. Sofern ihr es bevorzugt, die Öffentlichkeit zu meiden, könnte es auch ein allgemeiner Artikel über das Leben von Transvestiten sein..."

In meiner Antwortmail stelle ich die Frage, was ein allgemeiner Bericht solle. Da könne er auch unsere Homepage oder die Wikipedia abschreiben.

"Soll ein Zeitungsartikel nicht aus dem Leben gegriffen sein?" frage ich.
Wir seien gar nicht so öffentlichkeitsfremd. Allerdings sei Diskretion oberstes Gebot und persönliche Daten und Fakten könnten wir nicht weitergeben.

Ich schlage ihm ein Treffen in meinem Lieblingscafé im Frankfurter Westend vor, wo wir ungestört plaudern können, danach einen Bummel über die Zeil und Shopping, zum Schluss treffen wir andere TV-Freundinnen im Café Liebfrauenberg. Um die Erwartungen etwas herunterzuschrauben erkläre ich ihm:
"Erwarten Sie bitte nichts Spektakuläres. Wir bemühen uns, so unauffällig wie möglich in der Öffentlichkeit aufzutreten."

Ich bin wahnsinnig aufgeregt, überlege mir schon Tage vorher vor dem Einschlafen, was ich anziehen werde.

Da ich im Café kurz vor drei Uhr, unserem ausgemachten Date, noch mal schnell auf die Toilette gehe, sucht mich Erik, der sehr pünktlich ist, vergebens zwischen den überwiegend älteren Herrschaften, die sich um dampfende Kaffeetassen und üppige Kuchenstücke versammelt haben.

Plötzlich stehe ich hinter ihm.
"Hallo Erik," sage ich mit meiner dunklen Stimme. "Ich bin Stella."

Erik beschreibt mich später so: "Blondes Haar, 1,83 Meter groß, eine brilliantenbesetzte Brille, eine weiße Rüschenbluse und ein blaues Kostüm, das sich nahtlos in die modische Ausstattung der übrigen Cafébesucherinnen einfügt."

Ich erzähle Erik, dass ich fast jeden Dienstagnachmittag in diesem Café bin. Die Bedienung weiß genau, was ich möchte: Ein Kännchen Café mit ganz vielen Milchdöschen (mindestens 7 Stück) und einen Frankfurter Kranz. Laumer hat m.E. den besten Frankfurter Kranz von ganz Frankfurt.

Erik hat eine Menge Fragen.
Welches Make-up ich benutze? Ich nehme "Art Deco Camouflage", weil es stärker deckt, als normales Make-up, um den Bartschatten zu verbergen.
Lippenstift? Hortensiafarben.
Lidstrich und Wimperntusche? Schwarz.
Augenbrauenstift? Dunkelbraun, manchmal grau.
Lidschatten? Hellblau.
Nagellack? Pink.

Ich erkläre ihm auch, warum ich passend zum Kostüm einen blauen Seidenschal trage.
"Um den Adamsapfel zu verdecken. Viele Transvestiten nutzen diesen Trick."

Etwas schwieriger ist es mit der Kleidung. Da kaufe ich z.B. ein Kostüm im Versandhandel. Dort gibt es Blazer und Rock getrennt in verschiedenen Größen: Rock 42, Blazer 46.
"Ich habe leider nicht den Körper einer Frau," erläutere ich Erik.
Ein Kleid in Größe 46 müsse ich dann von meiner Schneiderin im unteren Teil enger nähen lassen. Jeder Transvestit sollte eine Schneiderin zur Hand haben.

"Was machst du mit den Haaren an den Beinen, wenn du mal einen kurzen Rock tragen möchtest, vielleicht im Sommer ohne Strümpfe?" will Erik wissen.
"Ja, das hat viel Überredungskunst gebraucht, bis meine Frau bereit war, auf die behaarten Beine zu verzichten. Auch das Dekolleté und die Hände dürfen bis zu einem gewissen Grad haarfrei sein. Alle anderen Körperhaare sind tabu."
Damit kann ich gut leben. Im Sommer wird es dann oft etwas warm wegen der langärmeligen Blusen und Blazer.

Erik möchte wissen: "Wann fing denn die Neigung zum Crossdressing an?"
Ich berichte ihm von den Phasen, die sehr viele Transvestiten durchmachen. Dass man schon in der Kindheit die Kleidung und Unterwäsche der Mutter oder der Schwester anprobiert. Dass man später diese Neigung verleugne und sich für unnormal bis pervers hält.
Ein wenig frustriert sage ich: "Meine Frauenkleider habe ich früher regelmäßig in den Müll gesteckt, so eine Art Reinigungswahn, nur um nach zwei Wochen wieder alles neu zu kaufen."
Heute habe ich mich angenommen, wie ich bin, stehe zu meiner femininen Seite und fühle mich sehr wohl dabei.

Nach der Heirat dachte ich, dass der "Spuk" vorbei wäre. Nichts war! Viele Jahre der Heimlichkeit waren der pure Stress. Ich möchte allen jungen Transvestiten raten, schafft von Anfang an klare Verhältnisse, wenn ihr eine Verbindung eingeht.

Wie oft habe ich mich heimlich im Auto auf einem Parkplatz im Wald zurecht gemacht. Ich erzähle Erik von Transvestiten, die sich nie aus dem Haus trauen, die alleine sind und die den Abend in Damenkleidung zu Hause verbringen. Ich habe den Begriff "Kammertransvestiten" erfunden. Die Zeit wird kommen und in jedem erwacht der Wunsch, als Frau in die Öffentlichkeit zu gehen.

Ich fange an zu schwärmen: "Ein Tag als Stella in der Öffentlichkeit, im Café, beim Shopping oder in der Oper ist wie ein Urlaubstag."

Stella hat keinen Stress im Beruf, keine Probleme. Doch, ein Problem hat sie: Die Angst, erkannt zu werden. Ich erzähle von meiner Nachbarin, die den Bürgersteig fegte. Ich war schon lange fertig zum Ausgehen und wollte losfahren. Zu allem Unglück kommt noch eine andere Nachbarin mit einem Hund und beide Frauen tratschen ewig, eine Stunde, zwei Stunden. Endlich! Nicht´s wie raus und weg.

Ich möchte Erik demonstrieren, dass sich Transvestiten ganz ungezwungen in der Öffentlichkeit bewegen können.
"Möchtest du zur Hauptwachen laufen oder mit der U-Bahn fahren?" will ich wissen.
"Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gerne mit der U-Bahn fahren. Möchte sehen, wie die Leute reagieren."
Die Fahrgäste schauen kurz hin und dann wieder weg. Das war´s.

Ich hatte mir vorgenommen, im Kaufhof in der Damenwäscheabteilung ein delikates Stück, einen Longline-BH zu kaufen. Ich frage die Verkäuferin nach der Größe.
"Ist der für Sie?"
"Ja."
Sie schaut mich kurz an: "90B müsste passen."

Nun kommt für mich der große spannende Augenblick. Am Eingang zu den Umkleidekabinen hängt ein Schild:

"Der Zugang zum Umkleidebereich ist nur Damen gestattet."

Ich frage also: "Darf ich den BH einmal anprobieren?"
"Ja natürlich." Und die Verkaufsdame zeigt Richtung Umkleidekabine: "Bitte schön."

Erik beobachtet das Geschehen aus sicherer Entfernung und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Noch einmal staunt er, als ich mit meiner EC-Karte zahle und mit meinem männlichen Namen unterschreibe. Kein Zögern, kein fragendes Erstaunen von Seiten der Kassiererin. Jetzt wird Erik neugierig, und er spricht die Verkäuferin an, ob sie gemerkt habe, dass sie gerade einen Transvestiten bedient habe.
"Na klar! Aber ich habe überhaupt kein Problem mit solchen Kundinnen."

Bei Douglas lasse ich mich von einer überaus freundlichen Verkäuferin wegen eines Augenbrauenstifts beraten. Ich wollte einen etwas helleren zu meinen blonden Haaren, als ich gerade trage. Die junge Verkäuferin ist sehr kompetent und eifrig, malt sich eine Farbe nach der anderen auf ihren Handrücken, bis wir die passende Nuance gefunden haben. Wie immer bedanke ich mich für die freundliche Bedienung.
"Das ist doch selbstverständlich," kommt als Antwort mit einem Lachen im Gesicht zurück.

An der Kasse bekomme ich ein Werbegeschenk in die Tüte gesteckt.
"Wehe, die hat mir ein Männerparfüm gegeben," sage ich beim Hinausgehen zu Erik.
"Schau doch mal nach," fordert er mich auf. "Ich bin gespannt."
Ich öffne das Werbegeschenk: Ein Anti-Aging-Make-up für natürliche Ausstrahlung.
"Da hast du aber Glück gehabt," lacht Erik.

Wir schlendern über die Zeil. Erik beobachtet die Passanten, wobei die Mehrzahl mit sich selbst beschäftigt ist, wenige mich erstaunt von oben nach unten und wieder zurück mustern und ganz wenige sich noch mal herumdrehen.

Im letzten Geschäft, einem ganz bekannten Frankfurter Tee- und Gewürzladen werde ich freundlich und zuvorkommend als Kundin bedient und darf an verschiedenen Teesorten schnuppern.
"Kein Problem," erfährt Erik bei seiner erneuten Nachfrage. "Wir haben noch einen anderen Transvestiten als gute Kundin."

Es ist ein irres Gefühl: Ein Mann, angemessen als Frau gekleidet und dezent als Frau geschminkt, wird wie selbstverständlich als Dame behandelt. Das ist wie Urlaub

"Urlaub von der Männlichkeit". So lautet Eriks Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung .


Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 21. März 2008 um 14:07 Uhr
 
Suchmaschinenoptimierung mit Ranking-Hits